Am 11. Oktober werden die historischen Mauern des Klosters Zscheiplitz wieder mit der Energie zeitgenössischer Kunst gefüllt. Nach dem vielbeachteten Erfolg der Ausstellung im April unter der Leitung von Charlott Meisel und Kuratorin Hannah Becker, verspricht die zweite Vernissage des Jahres, an diese Tradition anzuknüpfen. Die künstlerische Leitung hat dieses Mal Leo Wachter übernommen, ein gefeierter junger Künstler aus Halle.
Vor der Ausstellung sprach ich mit Wachter über das einzigartige Konzept des 'Refugiums' und die Magie, moderne Kunst in einem tausendjährigen Kloster zu zeigen.
Alexander von Hahn: Leo, der Begriff 'Refugium' beschwört die Idee eines abgeschiedenen Schutzorts – was ja perfekt zur traditionellen Rolle eines Klosters passt. Doch eure Veranstaltung öffnet Türen und lädt die Öffentlichkeit ein. Das wirkt wie ein gewollter Widerspruch. Was steckt dahinter?
Leo Wachter: (lacht) Es ist eine bewusste Spannung, kein Widerspruch. Es gibt dieses alte Sprichwort: 'Je stärker die Mauern nach außen, desto wertvoller die Schätze im Inneren.' Jahrhundertelang war das die Definition von Klöstern – Orte, an denen Schönheit und Wissen bewacht wurden. Unser Konzept kehrt das um. Für uns ist der wahre Schatz heute der kulturelle Austausch selbst. Also verstecken wir ihn nicht hinter den Mauern; wir nutzen diese majestätischen Wände, um ihn zu rahmen und für alle zugänglich zu machen. Wir verwandeln die historische Festung in einen Ort für offenen Dialog.
AvH: Wie genau überträgt sich dieser philosophische Ansatz auf das Erlebnis der Besucher:innen?
LW: Vollständig. Vom Moment des Eintretens an ist es eine immersive Einladung. Wir kuratieren diverse, manchmal sogar kontrastierende künstlerische Positionen, um diesen Austanz anzustoßen. Das Kloster ist nicht nur Kulisse; es ist ein aktiver Teilnehmer. Es lädt dich dazu ein, runterzukommen, wirklich hinzusehen und die Konfrontation der verschiedenen Bildsprachen zu erspüren. Und was genauso wichtig ist: Es ist eine menschliche Erfahrung. Diese Eindrücke bei einem Glas Wein im Kreuzgang zu teilen – da wird aus Theorie Gefühl. Es geht um Engagement, nicht um passives Beobachten.
AvH: Beim Namen bleibend: 'Refugium' klingt auch nach einem modernen 'Safe Space'. Wie passt das in diese so alte, kraftvolle Umgebung?
LW: Großartig, gerade weil es das Gegenteil eines sterilen White Cube ist. Ein 'Safe Space' wirkt heute oft anonym und neutral. Hier ist die Zuflucht nicht leer; sie ist erfüllt von der Wucht der Jahrhunderte. Diese tiefe Geschichte verleiht dem Ort einen unglaublichen Kontext und eine Beständigkeit, die die zeitgenössische Kunst sowohl geerdet als auch befreit wirken lässt. Die Werke werden nicht nur ausgestellt; sie treten in einen stummen Dialog mit ihrem Umfeld. Das Refugium, das wir schaffen, ist ein Ort für den Dialog – ein Schutzraum für Ideen, die ohne Eile ausgetauscht werden können.
AvH: Im Kern geht es also darum, einen Dialog zu ermöglichen?
LW: Genau. Der Erfolg des Projekts liegt darin, diesen Dialog zwischen scheinbaren Gegensätzen zu kuratieren: alt und neu, sakral und weltlich, verborgen und offengelegt. Das ist keine Ausstellung, die man einfach nur abläuft. Sie lädt dich ein, zu verweilen, nachzudenken und Teil einer fortwährenden Konversation zu werden, die schon tausend Jahre andauert. Das ist die einzigartige Magie von Zscheiplitz.